Er war ein Schäferhund – ein treues und besonderes Herz

Ich möchte von unserem Hund erzählen. Von einem treuen sanften Freund. Ich werde nicht seinen Namen nennen, nicht, weil er keinen gehabt hätte, er hatte einen. Aber ich muß von ihm in der Vergangenheitsform sprechen und das ist schon schwer genug. Müsste ich nun auch noch seinen Namen immer wieder nennen, es bräche mir das Herz.

Ich möchte von einem Freund erzählen, der ein so treues Herz hatte obwohl ihm sein Leben zuvor gezeigt haben musste, dass man dem Menschen besser nicht vertrauen sollte.

Ich möchte von einem Freund erzählen, dem etwas Unmögliches gelungen ist aber dazu später.

Ich möchte von einem lustigen und lebensfrohen Hund erzählen, der am glücklichsten war, wenn wir alle zusammen waren.

Die Ausflüge zum Strand waren das Größte. Kaum hatte er Sand unter den Pfoten drehte er durch, raste herum und schien ein breites Lächeln in seinem Gesicht zu haben. Die Zunge schlackerte im Wind und der sonst so wasserscheue Kerl lief mit voller Freude ins Meer oder in die Elbe. Es schien dann immer so als peilte er eine hündische Art der Arschbombe an und was soll ich sagen, diesen Sprung vollführte er mit Bravour.

Wasser treten und mit den Wellen kriegen spielen, über den Strand rennen, herum hüpfen am besten mit allen vier Pfoten gleichzeitig – diese Dinge machten ihn einfach glücklich.

Aber der schönste Ort auf der Welt war unsere Wohnung. Dort fühlte er sich richtig wohl, dort war seine Schmusedecke mit der er es fast schon genauso hielt wie Linus von den Peanuts. Diese Decke war vom ersten Augenblick sein liebstes. Sobald man diese Decke aufhob und sich anschickte damit weg zu gehen, denn manchmal musste

sie halt gewaschen werden, probierte er sich immer darauf zu setzen.

Er liebte es Aufträge zu haben. Einer ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Ich mußte mit einer Freundin aus einer vollen U-Bahnstation einen Kinderwagen nach oben tragen. Dafür mußte er von der Leine, denn beides ging nicht. Viele Menschen kamen uns entgegen, auch andere Hunde. Es war laut aber er lief einen Meter vor dem Kinderwagen die Treppen hinauf und ließ sich nicht ablenken. Auch nicht durch andere Artgenossen. Immer wieder suchte er den Blick zu mir um eine neue Anweisung zu erhalten, die ich ihm per Fingerzeig gab. Geradeaus, rechts oder links – er folgte dem Finger und hatte dabei immer einen wachen Blick auf den Kinderwagen. Denn sein Auftrag war, der Kinderwagen muss nach oben und diesen Auftrag hat er ausgeführt.

War einer von uns krank wich er uns nicht von der Seite. Er lag dann den ganzen Tag neben dem Bett oder Sofa. Wurde er dann zu einem Spaziergang gerufen, stand er auf, etwas widerwillig und schaute den “Patienten“ an. Erst wenn dieser ihm versicherte, dass man alleine zurecht käme, ging er. Um dann direkt nach dem Spaziergang seinen Platz neben dem Krankenlager wieder ein zu nehmen.

Ich habe zu Beginn gesagt, dass ich von einem Freund erzählen werde – einem Freund, der von TIS gerettet wurde. Der über 3 Jahre in der Perrera saß. Er war einer von unseren Langzeitinsassen für die wir dieses Projekt machen, denn er war ein Schäferhund-Mischling. Wahrscheinlich ein Malinois (belgischer Schäferhund) Podenco Mix. Er hatte weiches Fell, lustige große Ohren und eine schwarze Schnauze. Er war etwas zu lang, darum nannten wir ihn gerne unseren LKW. Seine wunderschönen bernsteinfarbenen liebevollen Augen erinnerten in ihrer schwarzen Umrandung an den langen Lidstrich, den man auf Darstellungen Kleopatras sehen kann.

Er war sehr klug und intelligent. Lernte wahnsinnig schnell und liebte es unseren Mülleimer neu zu sortieren. Es gab den Haufen, den wir nie gesehen haben. Es gab den, den man etwas später essen konnte. Den, den man vielleicht, sollten schlechte Zeiten anbrechen, essen könnte und dann den, mit dem nicht Essbaren.

Er kam wunderbar mit seinen Artgenossen aus. Trafen wir einen, bei dem die Sympathie sofort stimmte, schien er zu tanzen und redete unheimlich viel. Er verstand es, sich spielend in ein schon bestehendes Rudel einzufügen – typisch für einen Straßenhund eben.

Er war sanftmütig, überaus treu und zurückhaltend in seinem Wesen – er war ein Freund, unser Freund und wir vermissen ihn schmerzlich.

Ich hatte am Anfang meines Textes gesagt, dass er etwas Unmögliches geschafft hatte und zwar bezwang er durch seine wunderbare Art die Angst meiner Mutter vor Schäferhunden. Meine Mutter hatte immer Angst vor Schäferhunden bis sie ihn traf – er nahm ihr all die Angst, die sie seit ihrer Kindheit dieser Rasse gegenüber verspürte und die dadurch entstandenen Vorurteile. Das Bild, ein Schäferhund sei gefährlicher als andere Hunde widerlegte er vom ersten Augenblick an. Mit seiner liebevollen vorsichtigen Art, seiner Aufmerksamkeit ohne Aufdringlich zu sein, gewann er im Handumdrehen ihr Herz – bis über seinen Tod hinaus. Wir könnten so viele Geschichten von ihm erzählen. Die meisten würden die Menschen zum Lachen bringen oder zumindest zu Schmunzeln. Er war ein so ein herrliches Kerlchen.

Er war ein Malinois-Podenco-Mix. Er war ein Schäferhund. Er war ein großartiger Freund.

 

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